Pinot - Versuch einer sinnlichen Verführung

Aus Weinbruderschaft

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Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Syrah/Shiraz, Zinfandel/Primitivo, Sauvignon blanc…….

Weine waren und sind zu allen Zeiten Moden unterworfen. Derzeit machen vor allem Sorten Furore, die den Touch der neuen Welt tragen: vielfach alkohol- und tanninreiche Produkte, die offenbar die Kassen klingeln lassen. Denn letztendlich wird auch Wein – wie alle Güter dieser Welt – zum Zwecke des Geldverdienens produziert.

Weine aus den Sorten der Pinot-Familie sind zur Zeit – zumindest international - weniger gefragt. Mit Pinot meinen wir meist Pinot Noir beziehungsweise Blauburgunder. Aber auch deren weisse Abkömmlinge wie Pinot Gris und Pinot Blanc sind nicht „up to date“. Dabei ist unter Fachleuten nach wie vor unbestritten: Vor allem die Pinot Noir zählt – wenn nicht als beste überhaupt – zu den besten Rotweinsorten dieser Welt. Dass daraus auch dünne, nichtssagende „Landweine“ produziert werden können, ändert nichts an dieser Tatsache.

Und – last but not least – Weine aus der Pinot Noir können Eigenschaften aufweisen, die kaum ein Wein aus einer anderen Sorte in diesem Mass besitzt: Sinnlichkeit und Kraft, gepaart mit Eleganz. Dieses Wunschresultat vermögen der kapriziösen Rebe allerdings nur wirkliche Könner zu entlocken. In der industriellen Weinproduktion fast ein Ding der Unmöglichkeit. Sicher ein Punkt, mit verantwortlich für das Ueberhandnehmen robuster Sorten, die nicht so individuelle und subtile Behandlung auf höchstem Niveau erfordern.

Für uns Grund genug, die Pinots nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen!

Ein paar Stichworte zum Inhalt dieser Veranstaltung: • Sinnliche und intellektuelle Weine • Familiengeschichten • Mutationen beim Pinot: Natur pur! • Selektion und Klonung: seit der Mensch Pflanzen kultiviert! • Wie Weiss-, Rosé- und Rotweine aus Pinot Noir entstehen • Was zeichnet einen guten Pinot Noir aus? • Terroir- oder Design- (Industrie-)-Wein? • Es lebe der sinnliche Genuss!

Wir werden bei dieser Veranstaltung – wie üblich - nicht in der Theorie stecken bleiben: ein Dutzend Weine sind vorbereitet!


Inhaltsverzeichnis

Rückblick

«Ueli Aebi vorzustellen, wäre Wasser in den Rhein zu tragen» dies die einleitenden Worte des Stubenmeisters Willi Spürgin. Es geschah anlässlich eines persönlichen Treffens zwischen den beiden, als sich Ueli Aebi entschloss eine «Protestdegustation» zu machen, um mal wieder zu zeigen, dass Wein nicht gleich Wein ist!

Viele heute in der Mode hoch stehende Weine, insbesondere welche aus der neuen Welt, sind farblich sehr dicht und meist alkohol- und tanninreich im Abgang. Je mehr Dichte und Tannin umso besser? - Diese Frage soll eine echte Antwort finden und Ueli Aebi verstand es vorzüglich die Anwesenden «aufzuklären».

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Sinnliche Verführung

Er persönlich unterteilt die Weine in eine «sinnliche» mit den Sinnen erfahrbare, emotionale Kategorie und in eine «intellektuelle» mit dem Verstand erfahrbare, sachliche Kategorie. Farblich untermalt von einem warmen Rot (Pinot noir, Merlot, Syrah und Sangiovese) bis hin zu einem kalten Blau (Champagner Blanc de Blanc, Cabernet Sauvignon, Nebbiolo). Sachte erfahren die Teilnehmer des Vortragabends selber, was genau mit dieser Unterteilung gemeint ist, nämlich mit dieser sinnlichen Verführung. Das Augenmerk seines Vortrages jedoch gilt der Pinot Familie.


2004 fotoPinotNoir.jpg Der Name «Pinot» kommt vom schwarzen Pinienzapfen, welcher eine frappante Ähnlichkeit mit den engbeerig und walzenförmig wachsenden Trauben zeigt


Pinot Familie

Es gibt einige echte Mitglieder der Familie: Pinot Noir, Pinot Meunier, Pinot Gris und Pinot Blanc. Nebst den Pinots kennen wir auch einige hundert Kreuzungen, die jedoch nicht zur eigentlichen Familie gehörend, eigenständige Sorten bilden wie Pinotage aus Südafrika, Feinburgunder aus der Wachau oder gar der Chardonnay (welcher fälschlicherweise oft als Pinot Chardonnay oder Pinot Blanc Chardonnay genannt wird). Um noch etwas zu verwirren, kennen die Pinot Familienmitglieder auch je nach Regionen ganz unterschiedliche Namen! Der Pinot Gris zum Beispiel wird im Wallis als Malvoisie oder in Deutschland als Ruländer bezeichnet. Ein Merkmal der echten Mitglieder der Pinotfamilie ist, dass die Sorte erst nach dem Farbumschlag der Traubenbeeren unterschieden werden kann, denn die Blattform ist praktisch identisch (Ausnahme Pinot Meunier, welche auf der Blattunterseite eine mehlige Schicht zeigt).


Die Pinotrebe ist sehr mutationsfreudig und so kann es vorkommen, dass in einem Rebberg unverhofft eine Mutation stattfindet (Pinot Noir zu Pinot Gris selbst an gleichen Stock oder von walzenförmigen, dichten Traube zu einer lockereren Traube wie z.B. die Pinot Mariafeld). Diese Eigenschaften werden dann für Neuanlagen speziell genutzt. Diese natürlichen Gen-Sprünge können aber auch in umgekehrter Reihenfolge dienen.

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Die edelste Rebsorte

Sie ist nicht nur sehr anspruchsvoll, sie ist auch kapriziös. Und nach den Ausführungen von Stuart Pigott, einem der wichtigsten Weinkenner und Weinkritiker, bedeutet sie die grösste Herausforderung an die Weinwelt! Sie wird oft und schlicht als die beste Rebsorte der Welt bezeichnet! Was sind die Gründe für eine solche Behauptung? Keine Rebsorte kennt eine ähnlich grosse Vielfalt an hervorragenden Weinen. Oder hätten Sie es gewusst, dass in der Champagne mehr Pinot Noir als im Burgund wächst. Wenn die Trauben abgepresst werden, hat der Traubenmost die Farbe des Fruchfleisches und das ist weiss. Die Farbe kommt durch die Beerenhülle zum Most und wird durch die Gärung (Akohol und/oder Wärme) extrahiert. Die Länge der Maischengärung beeinflusst den Most in der Farbe. Weisse Weine aus Pinot Noir (wie Champagner) oder Rosé Weine (wie Oeil de Perdrix in Neuchâtel) oder funkelnde Rotweine (wie Burgunder) werden alle aus einer Traubensorte gekeltert, aus Pinot Noir. Das stellt sehr hohe Anforderungen an das Rebgut, aber auch an den Kellermeister.


Wie lässt sich Pinot Noir beschreiben?

Im Weinlexikon Jancis Robinson nachzulesen: «Während der Cabernet Sauvignon also wiedererkennbare Charakteristiken und Qualitäten aufweist, wo immer er auch angepflanzt wird, zeigt sich der Pinot Noir weit weniger unverwechselbar und zuverlässig, und während der Cabernet Weine hervorbringt, die dem Intellekt zusagen, erweist sich der Charme des Pinot viel eher als sinnlich und transparent. Im Burgund selbst wird die Behauptung, dass dort Pinot-Noir-Wein entsteht rundweg abgelehnt; dort wird lediglich Pinot Noir als Werkzeug dazu benutzt, die rein lokale Geographie, also die Charakteristiken der Weinberg-Lage, in denen er wächst, mitzuteilen. Vielleicht lassen sich als einzige Charakteristiken, die Pinots Noir auf der Welt gemeinsam haben, eine gewisse süsse Fruchtigkeit und allgemein geringerer Gehalt an Tanninen und Pigmenten festhalten, als die anderen „grossen“ französischen Rotweintrauben Cabernet Sauvignon und Syrah aufweisen.»

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Die genaue Beschreibung der Weine aus Pinot Noir war und ist ein Unterfangen, das vage und wenig aussagekräftig bleiben muss. Genauso schwierig wie die Charakterisierung einer Dame ist, die eben „das gewisse Etwas“ hat. Pinot Noir ist eben Pinot Noir. Was als „Essenz“ übrigbleibt ist sein Charme und seine Sinnlichkeit. Sinnlichkeit ist ausschliesslich subjektiv analysierbar und meint etwas positiv erleben und erfühlen, sie kann Emotionen und Glücksgefühle auslösen!


Die Weine

Die Degustation eröffnete mit einem Champagner Nicolas Feuillatte, brut 1er Cru, Réserve particulière (40 % Pinot Noir, 40 % Pinot Meunier, 20 % Chardonnay), gefolgt vom Pinot Blanc, Steinbach, aus der Steiermark und Pinot Grigio Benefizium Porer aus Italien (Etschtal). Eine sensationelle Begegnung mit drei Wiler Blauburgundern 2002 aus dem Aargau (Mariafeld, Pinot 28 und Pinot 115). Würenlinger Höll und Klingnauer Kloster Sion ebenfalls aus dem Aargau sowie Malanser Spiger aus der Bündner Herrschaft und Tzanio aus dem Unterwallis zeigten frappante Unterschiede. Den Abschluss bildeten Vosne Romanée, Nuits St-Georges Les Boudot, 1er Cru und Clos du Vougeot, Grand Cru aus dem Burgund. Die Sinnlichkeit in diesen Kredenzen stand jedem frei zu finden.


Fazit

Jeder der gekosteten Weine gehört zur Familie der Pinot. Und jeder zeigte sich anders. Die einen etwas sinnlicher als die andern. Insbesondere die Pinot Noir Weine eröffneten eine Palette von Düften und Charakteristiken wie sie nur dank den Terroirs (Bodenbeschaffenheit, Lage, Mikroklima, Sonneneinstrahlung) so unterschiedlich sein konnten. Terroirweine sind handwerklich entstandene Weine und bilden mit ungefähr 3-5 % der Weltproduktion nur einen verschwindend geringen Anteil.


Ueli Aebi ist es einmal mehr hervorragend gelungen komplexe Zusammenhänge schlicht und einfach aufzuzeigen, Theorie und Praxis zu vereinen und die Teilnehmer mitzunehmen auf einen Weg der Sinnlichkeit. Die Zwischenapplause zeigten schon, dass es sich bei dieser Veranstaltung um etwas ganz Besonderes handelte. Alle «Nicht-Teilnehmer» haben etwas Einmaliges verpasst - eine phantastische Exkursion in die Sinnlichkeit! Danke Ueli!

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