Interview mit William Gernet

Aus Weinbruderschaft

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40-Jahre Weinbruderschaft St. Martin - Interview mit William Gernet zum 40-Jahr Jubiläum 1999

An einer schlichten Feier mit Ehrengästen zelebrierten Konvent und Stubenrat das 40. Geburtstagsfest ihres Vereins. Als Vertreter der Stadt Zofingen waren der Einwohnerratspräsident Urs Schaufelberger und Stadtrat Hans-Ruedi Hauri anwesend. Zu den weiteren geladenen Gästen zählte der Aargauische Rebbaukommissär Peter Rey und der Stubenmeister der „Gesellschaft zu Reblüten Luzern" Max Siegrist.


Mit Gründungsmitglied und Ehrenstubenmeister William Gernet sprach Marianne Breitenstein


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William Gernet, Gründungsmitglied und Ehrenstubenmeister




Marianne Breitenstein (Interview):

Die Weinbruderschaft St. Martin zu Zofingen ist heute 40 jährig. Ein Alter, welches sich einerseits durch eine gewisse Beständigkeit, andererseits noch durch Jugendlichkeit auszeichnet. Wer ist überhaupt diese Jubilarin und was muss man sich unter einer Weinbruderschaft vorstellen?

Unser heutiges Jubiläum zeigt, dass sich die bei der Gründung gewählte Form einer Zunft oder Bruderschaft die erhoffte Beständigkeit gebracht hat. Beständigkeit und Pflege von Traditionen muss nicht „stillstehen" bedeuten. Im Weinkonsum und in der Einstellung zum Wein hat sich in den letzten 40 Jahren enorm viel verändert. Auch wir in Zofingen haben im Rahmen der Schweizerischen Vereinigung der Weinfreunde (ANAV = Association Nationale des Amis du Vins) ein klein wenig dazu beigetragen.

Der Name Weinbruderschaft mag etwas elitär klingen. Das wünschen wir jedoch durchaus nicht zu sein. Alle am Wein interessierten Damen und Herren sind bei uns herzlich willkommen, wenn sie sich mit unseren Vereinszielen identifizieren können. Jüngere Leute, welche sich naturgemäss meist noch wenig vertieftes Wissen über den Wein angeeignet haben und sich nicht ausschliesslich über kommerzielle Kanäle informieren möchten, haben die Chance dies in ungezwungener Atmosphäre an einer unserer Veranstaltungen zu tun. Wenn gleichzeitig mit dem Erlangen von Weinwissen auch etwas über Weinkultur vermittelt werden kann, ist unser Ziel erreicht. Wein begleitete unsere abendländische Kultur von Anfang an, denn er ist Teil unserer Kultur schlechthin. Wenn man das als elitär bezeichnen will, dann lassen wir uns das gefallen, feuchtfröhliche Kneipereien sind jedoch nicht unsere Sache, und wir verurteilen jeglichen Missbrauch.


Wie kam es eigentlich zur Vereinsgründung? Ich schockiere dich und deine Leser vermutlich, wenn ich kurz und bündig antworte: Am Anfang war der Durst. Aber nicht der Durst, den man mit Wasser stillen kann. Nein, ich meine den Wissensdurst.

In den Fünfzigerjahren wusste man allgemein, vor allem in der Deutschschweiz praktisch nichts über den Wein. In den Wirtschaften wurde vorwiegend Bier gezapft und getrunken. Als Weinkarte diente die obligatorische Tafel an der Wand, auf der die verfügbaren Sorten mit Preis aufgeführt waren. Das Angebot differenzierte sich zwischen Ost- und Westschweiz, ja sogar innerhalb der Deutschschweiz bestanden Unterschiede. Vermutlich hinterliess die alte Kulturgrenze zwischen Allemannien und Burgund - die Reuss - auch im Weinbedarf ihre Spuren. Kalterer, Hallauer und Veltliner machten an der Reuss halt. Vergessen wir den Montagner nicht. Vom Bodensee bis zum Genfersee war dieser heimatlose Tischwein unabdingbar mit dabei. Sein Hauptbestandteil war der dunkle Utiel aus Spanien. In den Restaurants und Gasthöfen war der Offenausschank die Regel und dies in entsprechender Qualität, da den Wirten oft der Batzen näher lag als die Qualität. Dem „Verein Reisender Kaufleute" in Zofingen kam der Verdienst zu, im Rahmen von Weiterbildungs-Veranstaltungen auch einen Informationsabend über Wein und Weinkultur durchzuführen. Als Referent kam der Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Weinfreunde ANAV und eröffnete ganz neue Horizonte über den Weingenuss. Einige Zuhörer fanden Gefallen an der Sache, wurden Mitglieder der ANAV und pilgerten jeweils nach Luzern zu den Anlässen der dortigen Sektion. Bis uns eines Tages nahe gelegt wurde, in Zofingen doch einen eigenen Verein zu gründen. Das war 1957. Fast dasselbe geschah zur gleichen Zeit in Baden. Dort enstand damals die Sektion Baden-Goldwand. Am 17. April 1959 gründeten wir unsere Weinbruderschaft im Hotel Sternen. Ich weiss noch genau, dass wir diese Gründung mit einem Dôle Romane besiegelten. Das war das Höchste, was man sich denken konnte.


Wie kam es aber vor der Gründung der Weinbruderschaft überhaupt zu einer Schweizerischen Vereinigung der Weinfreunde (ANAV)?

Absatzprobleme bereiteten den Wein-Produzenten Sorge. Stützungsmassnahmen kompromitierten das Ausschenken des Weines. Die Presse nahm bei jeder Gelegenheit den Wein aufs Korn und auch die Abstinenzler ritten Attacken gegen den Rebensaft. Die Weinwirtschaft entschloss sich deshalb zu einer Gegenbewegung. Die Liebhaber des guten Rebensaftes, die Weinfreunde, wollten sich gruppieren, um sich gemeinsam gegen die polemischen und ungerechtfertigten Angriffe zu wehren. Am 1. Juni 1950 wurde die Vereinigung ANAV in Neuchâtel gegründet. Und 1951 das Vereinsorgan „Der Weinfreund – L’ami du Vin" ins Leben gerufen.

Der Zulauf und das Interesse waren gross, so dass in verschiedenen Regionen eigene Sektionen gebildet wurden.

Mit der Freundschaft zum Wein entstanden ganz ungezwungen die Freundschaften der Mitglieder untereinander und diese machen heute - auch in Zofingen – einen ganz wichtigen Teil unseres Vereinslebens aus. Wir sind nicht nur Weinfreunde, sondern ganz einfach Freunde.


Wieso heisst die Weinbruderschaft "St. Martin?"

Wieso St. Martin? Obwohl St. Urban und St. Maurizius die bekannteren Weinpatrone waren und das Kloster St. Urban vielfältigere Beziehungen mit Zofingen hatte, punktete St. Martin. Erstens war St. Martin als Patron der Winzer ebenso bekannt wie St. Urban, dazu kam seine Mildtätigkeit, so dass ihm auch nach der Reformation allgemein Verehrung entgegengebracht wurde. An seinem Namenstag, dem 11. November wird der Jahreszyklus der Natur abgeschlossen, die Pachtzinsen fällig, die Dienstboten entlöhnt und sehr wichtig, der Saft der Reben ist zu Wein vergoren. Ein Festtag also, an dem die Gans auf den Tisch kam. Der 11. November ist auch für die Weinbruderschaft der Tag, an dem wir das Jahr mit Hauptbott (Generalversammlung) und Festessen abschliessen.


Was ist überhaupt das Ziel der Vereinigung der Weinbruderschaft St. Martin? Um sich im Sinne der ANAV zum Wein zu bekennen, muss man ihn kennen.

Dies erreichen wir durch eine permanente Weiterbildung an Degustationen, Seminaren, Kellerbesuchen, Weinreisen und ganz speziell untereinander im Austausch von Erfahrungen. Es muss betont werden, dass kommerzielle Beeinflussungen abgelehnt werden, was uns von den zahlreichen Seminaren und Clubs mit ihren Zeitschriften unterscheidet.


Sind die Mitglieder alles „Weinkenner" erster Güte?

Man hat bekanntlich nie ausgelernt! Und das gilt ganz besonders beim Wein. Gewiss, wer bei uns eine Zeitlang Mitglied ist, der wird über Reben, Rebbau und Kellertechnik einiges wissen. Auch wenn der Wein ein Naturprodukt ist, so entsteht er schlussendlich im Keller durch das Können der Techniker. Und auch hier hat sich in 40 Jahren sehr viel zu Gunsten der Qualität geändert! Hier können wir dauernd lernen. So gesehen werden wir zum Weinkenner.


Was kann sich der Weinkonsument heute für berechtigte Fragen stellen?

Wir konsumieren heute Weine aus der ganzen Welt. Chilenische, australische, südafrikanische und kalifornische Weine gesellen sich zu den schönen Kredenzen aus Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland und natürlich auch der Schweiz. Eine Frage, die sich der Konsument heute bestimmt stellen kann, oft auch stellen sollte: „Kenne ich die Charakteristika der Weine? Was bedeuten für mich Schweizer Weine, was Namen wie Barolo, Veltlin, Navarra, Sonoma Valley, Hermitage oder Cornalin?" Die Vielfalt ist so reich und es gilt Entdeckungen zu machen. Manche Weine sind hervorragend, wachsen in der Rebparzelle neben einem grossen Bruder, werden gleich vinifiziert und kosten nur einen Bruchteil. Wieso? Viele Konsumenten kaufen nach Namen und ansprechenden Etiketten und nach dem Preis. In unseren Degustationen kann jeder selber prüfen, wie ihm ein bestimmter Wein zusagt und ob er ihm schmeckt. Die Möglichkeit, aus einer Weinbauregion oder einer Rebsorte die Auswahl im Vergleich zu treffen, Anleitungen für das Degustieren und Informationen über die Weinbereitung zu erfahren, werden in unserem Kreise ganz natürlich gepflegt.



Gibt es nicht schon genügend Zeitschriften, Bücher, Fernsehsendungen und Seminare zum Thema „Wein", muss es da auch noch Vereine geben, welche sich mit dem Produkt „Wein" beschäftigen?

Ganze Regale kann man heute mit Weinbüchern füllen und alle existierenden Weinzeitschriften zu lesen, würde zum Fulltime-Job führen. Daher gilt es auch hier eine Auswahl zu treffen. Übrigens die Zeitschrift „L’Ami du Vin" erhält jedes Mitglied der ANAV unentgeltlich. Diese hat in ihrem bald 50-jährigen Bestehen ein beachtliches Niveau erreicht. 1951 war sie das einzige Blatt, das über den Wein berichtete und die Weinbücher konnte man an einer Hand abzählen. Die heutige Flut von Informationen ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt.

Moderne Informationsmittel eröffnen neue Möglichkeiten. Man kann uns auch unter www.weinbruderschaft.ch ebenfalls auf dem Internet besuchen und sich nach erfolgter Information überlegen, persönlich an einer nächsten Degustation teilzunehmen.


Wer kann in die Weinbruderschaft aufgenommen werden?

Interessentinnen und Interessenten jeden Alters, welche den Wein als Kulturgut schätzen und mehr darüber erfahren möchten sind uns jederzeit herzlich willkommen. Aufgenommen wird, wer sich mit unseren Zielen identifizieren kann und als Gast an mindestens drei Degustationen teilgenommen hat.


Welche Vorteile bringt eine aktive Mitgliedschaft?

Mir hat sie sehr viel Positives gebracht und sicher auch den meisten unserer Mitglieder. Doch ist das eine persönliche Ansicht. Hereinschauen und schnuppern kann jedermann, um sich anschliessend selber ein Urteil zu bilden.


Welches sind Ihre schönsten Erinnerungen?

Während mehr als 40 Jahren habe ich über Kantons- und Landesgrenzen hinweg durch den Wein unzählige freudige Begegnungen gehabt und Freundschaften geschlossen. Alles schöne Erinnerungen, die ein ganzes Buch füllen könnten (eines mehr!). Eindrucksvoll waren für mich die Châpitres im Clos Vougeot, vor allem jenes mit Bundespräsident Nello Celio, ein Empfang im Schloss Asti mit dem Auftritt der mittelalterlichen Fahnenschwinger und meine völlig überraschende Ernennung zum Cavaliere sowie eine Sitzung auf Schloss Johannisberg mit der Gesellschaft für Geschichte des Weines.

Unauslöschlich bleibt die Gründung des Weinordens von St. Martin im Jahr 1964 und 10 Jahre später der Weinfreundekongress, den wir Zofinger durchführen durften und auf den ich noch heute angesprochen werde.


Was würden Sie heute anders machen?

Altershalber kann ich heute nicht einmal mehr das gleiche machen. Wenn es dieses Jahr noch möglich werden sollte zum vierten Mal das „Fête des Vignerons" in Vevey zu erleben, welches nur alle 25 Jahre stattfindet, wäre das die Krönung meines Lebens für den Wein und mit dem Wein.


Was darf Ihrer Ansicht nach nie verändert werden, damit ein Fortbestehen der Weinbruderschaft St. Martin gewährleistet ist?

Die Weinbruderschaft ist auf gutem Weg und in guten Händen. Nebst der Pflege der Tradition, die einen Verein zusammenhält, soll sie sich nie kommerziellen Zwecken dienstbar machen, aber entschlossen zum guten Wein und zum ehrlichen Weinhandwerk stehen.


Was geben Sie der Jubilarin mit auf den Weg?

Werdet nie zu elitären Wein-Snobs!

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